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Auszug aus dem ZDF Presse-Spezial Aktenzeichen XY...ungelöst - Spezial - Wo ist mein Kind
Interview mit dem Trauma-Therapeuten Dr. Georg Pieper


"Viele Betroffene haben das Gefühl, ihr Kind und das Schicksal der Eltern seien vergessen"

Sie unterstützen schwer traumatisierte Menschen, die schreckliche Schicksalsschläge verarbeiten müssen. Was bedeutet es für Eltern, wenn ihr Kind spurlos verschwindet?

Diese Eltern sind von einer ständigen extremen Unruhe gequält. Immer wieder machen sie sich schlimmste Vorstellungen davon, was passiert sein könnte. Vor allem der Gedanke, das Kind ist in der Gewalt von Tätern, die es körperlich und seelisch misshandeln, ist kaum zu ertragen. Eltern schwanken oft zwischen Phasen tiefster Verzweiflung und immer wieder aufkommender Hoffnung, das Kind doch irgendwann wieder in die Arme schließen zu können. Dieser permanente Unruhezustand führt häufig zu vielfältigen psychosomatischen Beschwerden: Viele können kaum noch oder gar nicht mehr schlafen, sie haben Albträume, leiden unter Kopf-, Bauch-, Verdauungs- oder Rückenbeschwerden. Häufig folgt ein sozialer Rückzug, da sie sich in der Regel von ihrer sozialen Umwelt nicht verstanden fühlen. Auch der Kontakt zu professionellen Helfern ist oft von Enttäuschungen geprägt, da sie das Gefühl haben, dass der Psychotherapeut nicht wirklich nachvollziehen kann, was es bedeutet, sein Kind zu vermissen. Nicht selten werden diese Betreuungen mit dem resignierten Urteil abgebrochen: "Der/die konnte mir mein Kind auch nicht zurückbringen!“ Wenn diese schwere Situation über Jahre anhält, spüren viele Eltern in ihrem Innersten, dass es einfacher wäre, mit der Situation klar zu kommen, wenn sie wüssten, dass das Kind tot ist. Dann hätte die permanente Unruhe ein Ende, und man könnte endlich trauern.

Warum ist es für Psychotherapeuten so schwer, diesen Eltern zu helfen?

Sich in die Gefühlswelt von Eltern vermisster Kinder hineinzuversetzen, ist auch für uns extrem belastend. Besonders, wenn wir selber Kinder haben, entstehen Ängste, die überfordern können. Der Wunsch, diesen Eltern helfen zu wollen, stößt schnell an Grenzen, da man weiß, dass es letztlich keine Lösung gibt. Das psychische Leid ist viel schwieriger zu bewältigen, als wenn es darum geht, den Verlust eines geliebten Menschen zu betrauern. Trotzdem kann die psychologische Begleitung von Eltern eine entscheidende Stütze sein, um bei ihnen die notwendige psychische Stärke und das Durchhaltevermögen aufzubauen oder es zu schaffen, diese schwere Situation über lange Zeit durchzustehen. Die entsprechenden Therapeuten müssen eine sehr gefestigte Persönlichkeit haben und erfahren sein mit Methoden der konfrontativen Traumabehandlung.

Wie lange betreuen Sie Betroffene normalerweise?

Eine Betreuung kann über Jahre gehen. Am Anfang ist es eine intensive Betreuung mit einem oder zwei Terminen wöchentlich, später werden die Abstände größer. Dann gibt es nur noch Kontakte bei Bedarf. Wichtig ist es für die Betroffenen, einen verlässlichen Ansprechpartner zu haben, der das Leiden der Betroffenen aushält, der nachfragt und den man auch einmal zwischendurch anrufen oder per Email kontaktieren kann.

Wohin können sich Betroffene wenden, wenn sie Hilfe brauchen?

Sie sollen sich am besten an kassenzugelassene Verhaltenstherapeuten wenden, die eine traumatherapeutische Zusatzausbildung haben. Psychoanalytische Behandlung ist bei diesen Fällen in der Regel wenig hilfreich. Psychiater verschreiben meist Medikamente, was die meisten Betroffenen nicht wünschen. Mein Rat: Wenn in den ersten drei Stunden die Chemie nicht stimmt, sollten sie sich an jemand anderen wenden.

Hilft es Angehörigen, wenn ihr Fall bei "Wo ist mein Kind?" aufgerollt wird?

Es ist sicher schmerzlich für die Angehörigen, aber es ist besser, als das Gefühl zu bekommen, das Kind sei vergessen worden. Alles aktive Umgehen mit der schweren Situation ist psychologisch sinnvoll und hilfreich, jeder Versuch der Verdrängung und des Sich-Zurückziehens führt in eine Sackgasse und in noch stärkeres psychisches Leid.

Die Anteilnahme in der Bevölkerung ist meist sehr groß, wenn nach vermissten Kindern gesucht wird. Schöpfen Betroffene daraus Kraft?

Wenn es echte Anteilnahme ist, kann diese Kraft geben. Oft empfinden Betroffene jedoch, dass es nur Neugier und oberflächliche Anteilnahme ist und alles sie mehr belastet als erleichtert.

Wie schwer ist es dann, wenn die Öffentlichkeit das Interesse verliert?

Viele Betroffene werden dann verbittert und isolieren sich mehr und mehr von ihrer sozialen Umgebung. Sie haben das Gefühl, ihr Kind und das Schicksal der Eltern seien vergessen.

Wie soll sich das soziale Umfeld den Betroffenen gegenüber verhalten?

Freunde und Bekannte müssen sich klar machen, dass sie den Betroffenen das Leid nicht nehmen können. Sie können Beistand leisten, Verständnis und Mitgefühl zeigen – ihr Mitleid alleine bringt niemandem etwas. Sie sollen immer wieder nachfragen, wie es geht, die schwere Situation ansprechen und ihre Hilfe anbieten. Kleine Gesten wie eine Blume oder das Vermitteln einer Gewissheit, dass man mit den Betroffenen hofft, dass man eine Kerze bei sich aufstellt, betet usw. können hoffnungsvolle Lichter in einer sehr dunklen Zeit sein.

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